Wo bindet der EBA-Floor bei der aktuellen Zinskurve?

Launch-Begleiter zum SOT-/Ausreißertest-Rechner

Wer den Ausreißertest rechnet, kennt die sechs Szenarien. Weniger bekannt ist, was mit ihnen passiert, wenn die Kurve nach unten geschockt wird: Dann greift ein Floor, der die abwärtsgerichteten Schocks kappt. Die Folge ist eine Asymmetrie — Up-Szenarien laufen immer voll durch, Down-Szenarien nur, solange die Kurve genug Luft nach unten hat.

Die spannende Frage ist damit nicht ob der Floor wirkt, sondern wo und wann. Dieser Artikel rechnet das für die aktuelle €STR-Kurve durch — und zeigt, warum die Antwort „nirgends“ die interessantere Antwort ist.

1. Wie der Floor funktioniert

Die Delegierte Verordnung (EU) 2024/856 legt für die Down-Szenarien eine laufzeitabhängige Untergrenze fest:

Floor(t) = min(0 %, −1,5 % + 0,03 PP · t)

Bei Laufzeit null liegt der Floor bei −1,50 %, er steigt linear um 3 Basispunkte je Jahr und erreicht bei 50 Jahren die Nulllinie. Drei Eigenschaften sind entscheidend:

  1. Der Floor ist kein Null-Floor. Ein geschockter Zins darf negativ werden — bis −1,5 % am kurzen Ende. Wer beim Wort „Floor“ an Null denkt, liegt um 150 Basispunkte daneben.
  2. Der Floor wirkt nach dem Schock (Post-Shock-Floor): erst Basiszins plus Schock, dann der Vergleich mit dem Floor.
  3. Der Floor darf nie über dem Basiszins liegen (Art. 3 Abs. 7). Liegt die Basiskurve selbst unter dem Floor, wird der Basiszins zum effektiven Floor. Der Down-Schock wird dann zu Null; die Kurve bleibt, wo sie ist.

Formal:

effektiverFloor(t) = min( Floor(t), Basis(t) )
Geschockt(t)       = max( Basis(t) + Schock(t), effektiverFloor(t) )

Für die Up-Szenarien gibt es keine Entsprechung. Das ist die Asymmetrie.

2. Die Kurve heute

€STR-OIS-Kurve vom 21.08.2026, ON aus dem €STR-Fixing. Die Kurve ist durchgehend steigend: 2,19 % am Tagesgeld, 2,65 % bei einem Jahr, 3,04 % bei zehn, 3,29 % bei zwanzig Jahren.

Darauf die beiden relevanten Down-Szenarien — Parallel Down (−200 BP über alle Laufzeiten) und Short Down (−250 BP am kurzen Ende, abklingend mit e(−t/4)) — und der Abstand zum Floor:

Laufzeit Basis Parallel Down Short Down Floor Puffer Par. Down Puffer Short Down
ON†2,19 %0,19 %−0,31 %−1,50 %1,69 PP1,19 PP
3M2,39 %0,39 %0,04 %−1,49 %1,88 PP1,53 PP
6M2,50 %0,50 %0,29 %−1,49 %1,98 PP1,77 PP
1J2,65 %0,65 %0,70 %−1,47 %2,12 PP2,17 PP
2J2,74 %0,74 %1,22 %−1,44 %2,18 PP2,66 PP
3J2,77 %0,77 %1,59 %−1,41 %2,18 PP3,00 PP
5J2,84 %0,84 %2,12 %−1,35 %2,19 PP3,47 PP
7J2,91 %0,91 %2,48 %−1,29 %2,20 PP3,77 PP
10J3,04 %1,04 %2,84 %−1,20 %2,24 PP4,04 PP
15J3,22 %1,22 %3,16 %−1,05 %2,27 PP4,21 PP
20J3,29 %1,29 %3,28 %−0,90 %2,19 PP4,18 PP

† ON = €STR-Fixing 20.08.2026; im SOT-Rechner wird das kurze Ende linear ab 3M extrapoliert.

(Steepener und Flattener sind floor-irrelevant: ihr Minimum liegt bei 0,57 % am ON-Punkt.)

Drei Beobachtungen:

Der Floor bindet an keiner einzigen Stützstelle. Der kleinste Abstand beträgt 1,19 Prozentpunkte — am Tagesgeld unter Short Down. Überall sonst liegt der Puffer bei zwei Prozentpunkten und mehr. Bei einem Zinsniveau von 2 bis 3 % sind die Down-Szenarien also exakt das, was ihr Name sagt: Schocks in voller Höhe.

Short Down ist das engere Szenario — aber nur unterjährig. Am Tagesgeld und bis etwa 10 Monate drückt Short Down die Kurve tiefer als Parallel Down; am ON-Punkt sogar unter Null, auf −0,31 %. Der Crossover liegt zwischen 10 und 11 Monaten. Ab einem Jahr ist Parallel Down das knappere Szenario, ab drei Jahren ist Short Down für die Floor-Frage praktisch bedeutungslos — der Schock ist dort schon auf unter 120 BP abgeklungen.

Negativ heißt nicht gefloort. Die −0,31 % am Tagesgeld unter Short Down sind kein Floor-Effekt, sondern das echte Szenarioergebnis. Der Floor läge 119 Basispunkte tiefer.

3. Wann der Floor greift: die Kurve minus 150 BP

Der Floor würde unter Short Down erstmals binden, wenn das kurze Ende um rund 120 Basispunkte fällt — also bei einem €STR um 1,0 %. Das ist kein exotisches Szenario; das war das Niveau im Frühjahr 2023.

Nehmen wir die heutige Kurve und verschieben sie parallel um 150 BP nach unten (€STR 0,69 %). Dann sieht das kurze Ende so aus:

Laufzeit Basis −150 Short Down roh Short Down effektiv Floor
ON†0,69 %−1,81 %−1,50 %−1,50 %gefloort
1M†0,76 %−1,69 %−1,50 %−1,50 %gefloort
2M†0,85 %−1,55 %−1,50 %−1,50 %gefloort
3M0,89 %−1,46 %−1,46 %−1,49 %frei
6M1,00 %−1,21 %−1,21 %−1,49 %frei
1J1,15 %−0,80 %−0,80 %−1,47 %frei

† ON, 1M und 2M liegen unterhalb der kürzesten Rechner-Stützstelle (3M) und sind im SOT-Rechner nicht abbildbar; die Werte basieren auf den €STR-OIS-Quotierungen vom 21.08.2026.

Der Floor greift zuerst am ganz kurzen Ende, kappt dort 5 bis 31 Basispunkte Schock, und lässt ab drei Monaten wieder los. Parallel Down bleibt in diesem Szenario noch komplett frei (ON: −1,31 % bei Floor −1,50 %); es bräuchte weitere 19 BP Rückgang, bis auch dort die Kappung beginnt.

Mit jedem weiteren Rückgang der Kurve wandert der Bindungspunkt nach rechts in die längeren Laufzeiten — und die Down-Szenarien verlieren an Schockwirkung, während die Up-Szenarien unverändert durchlaufen. In der Niedrigzinsphase 2021 (€STR um −0,58 %) lag die Geldmarktkurve nur wenige Dutzend Basispunkte über dem damaligen Floor; die Down-Szenarien wurden am kurzen Ende massiv gekappt — von den 200 BP des Parallel-Down-Schocks griffen effektiv nur gut 40. (2021 galt die RTS-Vorgängerfassung mit Floor −1,0 % + 0,05 PP · t.)

4. Was das für die Steuerung bedeutet

  • Die Asymmetrie ist zinsniveauabhängig. Bei Normalzins wirken alle sechs Szenarien symmetrisch; die Floor-Kappung ist ein Phänomen tiefer Kurven. Wer das SOT-Ergebnis über Zinszyklen vergleicht, vergleicht bei tiefem Zins strukturell gedämpfte Down-Szenarien mit ungedämpften Up-Szenarien.
  • Für aktivlastige Häuser ist das eine Entlastung, für passivlastige ein Nachteil. Wessen Worst Case ein Down-Szenario ist, profitiert bei sinkendem Zins doppelt: vom Floor und vom Konvexitätseffekt. Wessen Worst Case ein Up-Szenario ist, sieht keinerlei Dämpfung.
  • Der Floor ist eine Kurvenform-Frage, nicht nur eine Niveau-Frage. Bei einer flachen oder inversen Kurve (wie derzeit am Swap-Markt ab 20 Jahren) kann der Floor zuerst am langen Ende greifen — weil er dort mit 3 BP pro Jahr ansteigt, während die Kurve nicht mitsteigt. Bei der steigenden OIS-Kurve von heute ist das kurze Ende der Engpass.

Selbst rechnen

Im SOT-/Ausreißertest-Rechner kannst du die Kurve oben eingeben und die Floor-Linie im Kurven-Chart beobachten. Ziehe die Basiskurve Schritt für Schritt nach unten — kurz jenseits von −150 BP trifft Short Down am 3M-Punkt als erstes auf die Floor-Linie. Die noch früheren Bindungspunkte aus Tabelle 2 (ON bis 2M) liegen unterhalb der kürzesten Rechner-Stützstelle.

Aufsichtliche Zinsschocks selbst durchrechnen

Der SOT-/Ausreißertest-Rechner setzt die DelVO-2024/856-Kalibrierung um: Standardtest ±200 BP und Supervisory Outlier Test unter allen sechs EBA-Szenarien, mit editierbarer Basiskurve, Doppel-Ampel und Kurven-Chart samt Floor-Linie. Vertiefend zur Methodik: IRRBB einfach erklärt.

Zum Rechner →

Datenhinweise

  • Quelle: €STR-OIS-Mid-Sätze (1M bis 20J) und €STR-Fixing, Stand 21.08.2026. OIS-Sätze werden hier näherungsweise als Zero-Sätze verwendet; eine Bootstrapping-Differenz von wenigen Basispunkten ändert an den Puffer-Aussagen nichts.
  • Szenarioformeln: sShort(t) = 250 · e(−t/4), sLong(t) = 100 · (1 − e(−t/4)), Parallel ±200 BP, Floor min(0, −1,5 % + 0,03 PP · t) — DelVO (EU) 2024/856.
  • Die in Basel diskutierte Rekalibrierung der Schockhöhen (EBA-Heatmap 01/2026) ist EU-rechtlich nicht umgesetzt; maßgeblich bleibt die DelVO 2024/856.

Über den Autor

Alexander Waidelich leitet die Integrierte Steuerung einer deutschen Sparkasse – eine Einheit, die aus der Zusammenführung von Treasury und Risikocontrolling entstanden ist. Mehr Gedanken zur Banksteuerung unter banksteuerung.com.

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