Was, wenn die Mitte gar nicht existiert?

Über bimodale Risikoszenarien und die Grenzen des Basispfads

Die Annahme, über die wir selten sprechen

In der Banksteuerung gehören Szenarien zum Handwerkszeug. Zinsanstieg, Zinsrückgang, Basisszenario — drei Pfade, sauber modelliert, ordentlich dokumentiert, regulatorisch erwartet. Sie bilden das Fundament, auf dem Strategien geprüft, Limite kalibriert und Vorstandsentscheidungen vorbereitet werden.

Doch hinter dieser vertrauten Struktur verbirgt sich eine Annahme, die wir erstaunlich selten hinterfragen: Wir gehen davon aus, dass sich die Zukunft um einen wahrscheinlichsten Pfad herum verteilt. Ein bisschen besser, ein bisschen schlechter — aber im Kern eine Welt, die sich symmetrisch um eine Mitte gruppiert.

Was aber, wenn genau diese Mitte gar nicht existiert?

Zwei Gipfel statt einer Glocke

In der Statistik kennt man das Phänomen als bimodale Verteilung. Statt einer klassischen Glockenkurve mit einem Hochpunkt zeigt die Verteilung zwei Gipfel — zwei Zustände, die jeweils für sich plausibel sind, aber durch ein Tal getrennt werden. Die Mitte, der Basispfad, ist in einer solchen Verteilung nicht der wahrscheinlichste Ort. Er ist der unwahrscheinlichste.

Übertragen auf die Banksteuerung bedeutet das: Es gibt Marktsituationen, in denen nicht ein Szenario dominiert, das von moderaten Abweichungen nach oben und unten begleitet wird. Stattdessen stehen zwei fundamental unterschiedliche Zustände gleichzeitig im Raum — und die Frage ist nicht, welcher wahrscheinlicher ist, sondern wie man in beiden handlungsfähig bleibt.

Bimodale Risikoverteilung Vergleich einer Normalverteilung mit einer bimodalen Verteilung. Die bimodale Kurve zeigt zwei Gipfel (Rezession links, Inflation rechts) und ein Tal in der Mitte, wo der Basispfad liegt. Bimodale Risikoverteilung Zwei plausible Zustände statt einem Basispfad ? Rezession Basispfad Inflation Bimodale Verteilung Normalverteilung (Annahme)
In einer bimodalen Welt ist der Basispfad nicht der wahrscheinlichste Zustand — sondern der unwahrscheinlichste.

Warum das gerade jetzt relevant ist

Die aktuelle Zinslage ist ein anschauliches Beispiel. Die EZB hat den Einlagensatz bei 2,00 Prozent belassen — zum sechsten Mal in Folge. Gleichzeitig hat sich die Rhetorik gedreht. Die Inflationsprojektion für 2026 wurde auf 2,6 Prozent angehoben, geopolitische Risiken drücken auf die Energiepreise, und erstmals seit der Zinswende haben die Terminmärkte wieder Zinserhöhungen eingepreist.

Auf der anderen Seite stehen die Konjunkturrisiken. Die Wachstumsprognose für den Euroraum liegt bei nur 0,9 Prozent, das wirtschaftliche Umfeld bleibt fragil. Sollte sich die konjunkturelle Lage weiter verschlechtern, wären Zinssenkungen als Stützungsmaßnahme keineswegs ausgeschlossen.

Zwei Szenarien, die sich gegenseitig ausschließen — und doch beide plausibel sind. Das ist keine normale Unsicherheit. Das ist Bimodalität.

Die Grenzen der klassischen Szenario-Trias

Die Standardmethodik vieler Häuser arbeitet mit drei Szenarien: einem Basisszenario, das die erwartete Entwicklung abbildet, einem adversen Szenario, das einen Stressfall simuliert, und einem Gegenszenario. Diese Struktur ist regulatorisch verankert, methodisch bewährt und in der Praxis etabliert.

Ihre Schwäche zeigt sich jedoch genau in Phasen wie der aktuellen. Denn die Szenario-Trias geht implizit davon aus, dass der Basispfad tatsächlich der wahrscheinlichste Zustand ist — und die Stressszenarien Abweichungen davon darstellen. In einer bimodalen Welt funktioniert diese Logik nicht mehr. Wenn es keinen dominanten Basispfad gibt, werden Stressszenarien zu willkürlichen Auswahlen — und die strategischen Entscheidungen, die darauf aufbauen, ruhen auf einem Fundament, das dünner ist, als es aussieht.

Das bedeutet nicht, dass die klassische Methodik falsch ist. Sie ist das richtige Werkzeug — für unimodale Welten. Die Frage ist, ob wir erkennen, wann wir uns nicht mehr in einer solchen befinden.

Was das für die Steuerung bedeutet

Wenn zwei Zustände gleichzeitig plausibel sind, verändert sich die Steuerungslogik grundlegend. Drei Konsequenzen sind besonders relevant:

Die Frage nach der Handlungsfähigkeit wird wichtiger als die Frage nach der Wahrscheinlichkeit. In einer bimodalen Welt führt die Frage „Was ist das wahrscheinlichste Szenario?" in die Irre, weil die Antwort möglicherweise ein Zustand ist, der gar nicht eintritt. Die bessere Frage lautet: In welchen Zuständen sind wir handlungsfähig — und in welchen verlieren wir Optionen?

Strategien, die auf einen Mittelwert optimiert sind, funktionieren in keinem der beiden Zustände besonders gut. Eine Positionierung, die darauf setzt, dass der Einlagensatz bei 2 Prozent bleibt, kann sowohl bei einem Anstieg auf 2,50 Prozent als auch bei einem Rückgang auf 1,50 Prozent suboptimal sein. Die Mitte ist kein sicherer Hafen — sie ist die Position mit der geringsten Eintrittswahrscheinlichkeit.

Integrierte Steuerung wird zur Notwendigkeit, nicht zur Kür. Bimodale Szenarien lassen sich nicht sinnvoll bewerten, wenn Ertrag und Risiko getrennt betrachtet werden. Ein Zinsszenario, das aus Treasury-Perspektive eine Chance darstellt, kann aus Risikosicht eine Bedrohung sein — und umgekehrt. Erst wenn beide Perspektiven gleichzeitig auf dasselbe Szenario schauen, entsteht ein Bild, auf dem sich strategische Entscheidungen treffen lassen.

Die richtigen Fragen stellen

Bimodale Risikoszenarien sind kein akademisches Konzept. Sie sind eine Beschreibung der Realität, in der sich Banksteuerung heute bewegt. Und sie stellen eine unbequeme, aber produktive Frage: Wie robust ist unsere Strategie, wenn die Zukunft nicht um eine Mitte schwankt?

Das bedeutet nicht, dass wir aufhören sollten zu modellieren. Aber es bedeutet, dass wir anfangen sollten, anders zu fragen. Nicht nur „Was passiert in Szenario A, B und C?" — sondern „In welchen Szenarien sind wir handlungsfähig, und in welchen nicht? Welche Instrumente funktionieren in beiden Richtungen? Und wie schnell können wir umsteuern, wenn sich ein Zustand materialisiert?"

Für mich beginnt integrierte Steuerung genau hier. Nicht bei der besseren Zahl. Sondern bei der besseren Frage.

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe „Gedanken aus der Banksteuerung" auf banksteuerung.com. Das Thema integrierte Steuerung als Antwort auf vernetzte Risiken ist auch Kern des Whitepapers zur Triangulation in der Banksteuerung.

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Über den Autor

Alexander Waidelich leitet die Integrierte Steuerung einer deutschen Sparkasse – eine Einheit, die aus der Zusammenführung von Treasury und Risikocontrolling entstanden ist. Mehr Gedanken zur Banksteuerung unter banksteuerung.com.

Hinweis

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Sie stehen in keinem Zusammenhang mit Positionen, Strategien oder Veröffentlichungen meines Arbeitgebers. Es werden keinerlei interne Informationen, Daten oder vertrauliche Inhalte verwendet.

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