MaRisk AT 4.1 Tz. 2 schreibt fest, was gute Banksteuerung ausmacht: Die Verfahren zur Sicherstellung der Risikotragfähigkeit haben „sowohl das Ziel der Fortführung des Instituts als auch den Schutz der Gläubiger vor Verlusten aus ökonomischer Sicht zu berücksichtigen“. Der Risikotragfähigkeitsleitfaden von BaFin und Bundesbank übersetzt diese beiden Ziele in die normative und die ökonomische Perspektive. Diese Doppelung ist kein Nebensatz – sie begründet ein duales Steuerungsverständnis: Beide Perspektiven sind gleichrangig, beide sind Pflicht, und nur in ihrer Kombination entsteht belastbare Steuerung. Wer nur normativ steuert, verliert die langfristigen Risiken aus dem Blick. Wer nur ökonomisch steuert, übersieht die bilanzielle Realität, die Anleger, Aufsicht und Gesellschafter tatsächlich sehen. Dieser Artikel zeigt, warum das kein akademisches Detail ist, sondern eine praktische Anforderung – mit Fallbeispiel und Handlungsimplikationen.
Warum zwei Perspektiven? Der regulatorische Anker
Die verbindliche Fundstelle ist klar benannt: MaRisk AT 4.1 Tz. 2, in der Fassung 06/2024 wie im Rundschreiben 06/2026. Die Aufsicht fordert dort die gleichrangige Betrachtung beider Perspektiven, weil sie zwei unterschiedliche Zieldimensionen adressieren. Die normative Perspektive sichert die Fortführung des Instituts (Going Concern) – sie fragt, ob die Bank auch unter Stress regulatorische Mindest- und Zielquoten einhält und den Geschäftsbetrieb aufrechterhalten kann. Die ökonomische Perspektive schützt die Gläubiger vor ökonomischen Verlusten (Gone Concern) – sie stellt sicher, dass das ökonomische Eigenkapital selbst im Abwicklungsfall ausreicht, um alle Ansprüche zu bedienen. Genau hier wird das duale Steuerungsverständnis regulatorisch verankert. Der ECB Guide to ICAAP und die EBA-SREP-Leitlinien bestätigen diese Gleichrangigkeit auf europäischer Ebene. Beide Perspektiven sind fester Bestandteil jedes SREP-Dialogs, beide müssen dokumentiert und methodisch hergeleitet sein.
Warum fordert die Aufsicht das? Weil Banken in ihrer Natur Fristentransformatoren sind. Sie nehmen kurzfristige Mittel auf und vergeben langfristige Kredite. Das führt dazu, dass die kurzfristige GuV-Perspektive und die langfristige Barwertperspektive nicht nur unterschiedlich reagieren, sondern sogar in entgegengesetzte Richtungen weisen können. Eine Maßnahme, die das Zinsergebnis der nächsten zwölf Monate stabilisiert, kann das ökonomische Risiko langfristig erhöhen – und umgekehrt. Wer nur eine Sicht misst, steuert zwangsläufig blind in die andere Richtung.
Die Konsequenz ist praktisch: Beide Perspektiven müssen in der operativen Steuerung verankert sein, im Risikomanagement, im Limitsystem und in der Berichterstattung an Vorstand und Aufsichtsrat. Nicht als zwei isolierte Welten, sondern als zwei Lesarten derselben Bilanz, die zusammen erst das Gesamtbild ergeben.
Die normative Perspektive – Bilanziell, regulatorisch, kurzfristig
Die normative Perspektive betrachtet Bilanz und GuV nach Rechnungslegungs- und regulatorischen Regeln – also nach HGB oder IFRS, ergänzt um die Vorgaben aus CRR, CRD und nationalen Ausführungsverordnungen. Ihr Zeithorizont ist das laufende Geschäftsjahr plus ein Planhorizont von typischerweise drei bis fünf Jahren. Sie fragt: Bleiben wir auch unter Stress kapital- und liquiditätsadäquat nach den Regeln, die extern gelten?
Die Kernkennzahlen der normativen Sicht sind vertraut: CET1-Quote, Gesamtkapitalquote, LCR und NSFR, der geplante Zinsüberschuss, das geplante Betriebsergebnis. Maßstab ist die Einhaltung der regulatorischen Mindestquoten plus der eigenen, strategisch gesetzten Zielquoten mit Sicherheitspuffer.
Die Stärken dieser Perspektive liegen auf der Hand. Sie ist bilanzrealistisch – sie zeigt die Zahlen, die tatsächlich gemeldet, veröffentlicht und von externen Stakeholdern gelesen werden. Sie ist anschlussfähig an die externe Berichterstattung und damit gut kommunizierbar – an Aufsichtsrat, Aufsicht, Träger und Presse. Und sie ist planbar: Die Mehrjahresprojektion im ICAAP basiert genau auf dieser Logik.
Die Schwächen sind allerdings ebenso real. Die normative Sicht ist blind für unrealisierte Barwertrisiken. Wenn eine Festzinsanleihe im Bestand bei steigenden Zinsen 20 % an Marktwert verliert, aber als Held-to-Maturity klassifiziert ist, passiert in der HGB-Bilanz nichts – bis die Position verkauft oder ausbucht werden muss. Die GuV wird durch Rechnungslegungsregeln geglättet, was in ruhigen Zeiten ein Feature ist, in Stressphasen aber zum Bug wird. Und langfristige Effekte – etwa die schleichende Erosion der Margen durch ein niedriges Zinsumfeld – werden erst zeitverzögert sichtbar, wenn sie sich ins Jahresergebnis durchgeschlagen haben.
Die ökonomische Perspektive – Barwertig, risikoorientiert, langfristig
Die ökonomische Perspektive betrachtet den Barwert aller zinstragenden Positionen unter konsistenter Marktbewertung – unabhängig davon, wie diese Positionen in der Rechnungslegung klassifiziert sind. Ihr Zeithorizont ist der gesamte Laufzeitenfächer, typischerweise bis zu 30 Jahren oder länger. Sie fragt: Würden alle Positionen heute zum Marktwert glattgestellt, wie viel ökonomisches Eigenkapital bliebe nach welchem Schock übrig?
Die Kernkennzahlen der ökonomischen Sicht sind ebenso etabliert, aber weniger im Tagesgespräch verankert: EVE (Economic Value of Equity), das ökonomische Risikokapital, die Risikotragfähigkeit nach dem ökonomischen Kapitalbegriff. Maßstab ist die Fähigkeit, Verluste barwertig aufzufangen – ohne Rücksicht auf Rechnungslegungs-Glättungen.
Die Stärken sind fundamental. Die ökonomische Sicht macht unrealisierte Wertveränderungen sichtbar – genau die, die die normative Sicht verbirgt. Sie berücksichtigt alle Cashflows über alle Laufzeiten und ist damit methodisch konsistent. Sie ist marktnah: Was heute an den Kapitalmärkten passiert, wird sofort sichtbar, nicht erst mit dem nächsten Jahresabschluss.
Die Schwächen liegen im Maß, in dem sie auf Modellannahmen beruht. Barwerte sind keine objektiven Zahlen, sondern Modellwerte – abhängig von der gewählten Diskontkurve, von Annahmen zum Kundenverhalten (Prepayments bei Krediten, Bodensatz bei Sichteinlagen), von der Modellierung impliziter Optionalitäten. Das macht ökonomische Kennzahlen schwerer kommunizierbar als normative – ein Vorstand kann sich schwerer vorstellen, was ein ΔEVE von 80 Mio. € konkret bedeutet, als eine CET1-Quote von 13,5 %. Und sie sind sensibel für Annahmenbrüche: Wenn sich das Zinsumfeld regimeartig ändert, kann die historisch kalibrierte Bodensatzmodellierung plötzlich unbrauchbar werden.
Die Grafik – Wo welche Kennzahl lebt
Die folgende Grafik ordnet die wichtigsten Steuerungskennzahlen in einen zweidimensionalen Raum ein: Zeithorizont (horizontal) und Sicht (vertikal). Sie zeigt, dass sich die beiden Perspektiven nicht ausschließen, sondern den Raum ergänzen – mit jeweils eigenen, unverwechselbaren Kennzahlen.
Die Grafik verdeutlicht drei Dinge. Erstens: Jeder Quadrant hat eigene, nicht substituierbare Kennzahlen. LCR und CET1 lassen sich nicht durch EVE ersetzen, und umgekehrt. Zweitens: NII sitzt als Scharnier in der Mitte. Der Zinsüberschuss ist normativ eine bilanzielle GuV-Größe, ökonomisch aber eine Cashflow-Projektion unter Zinsschock (ΔNII). Dieselbe Größe, zwei Lesarten. Drittens: Die Pfeile zwischen den Quadranten zeigen, dass jede Maßnahme immer mindestens zwei Quadranten berührt – isolierte Optimierung eines Feldes ist in der Praxis unmöglich.
Wenn beide Sichten auseinanderlaufen – Die gefährliche Stelle
Der klassische Konflikt zwischen normativer und ökonomischer Sicht ist kein Sonderfall, sondern der Normalfall. Wer ihn nicht erkennt, steuert die Bank ungewollt einseitig.
Beispiel 1: Die Festzinsausleihung bei steigenden Zinsen. Eine Sparkasse vergibt einen großvolumigen 10-Jahres-Festzinskredit zu einem attraktiven Zins. Normativ ist der Effekt klar positiv: Der Konditionsbeitrag fließt sofort in die GuV, der geplante Zinsüberschuss steigt, die CET1-Quote bleibt durch den moderaten RWA-Anstieg weiterhin komfortabel. Ökonomisch ist das Bild differenzierter: Steigen die Zinsen weiter, verliert der Kredit barwertig an Wert, ΔEVE verschlechtert sich, die Aktivseite wird zins-sensitiver. Der gleiche Abschluss, den die normative Sicht feiert, erzeugt in der ökonomischen Sicht eine versteckte Verwundbarkeit.
Beispiel 2: Die Absicherung durch Receiver-Swap. Umgekehrt: Eine Bank reduziert ihr Barwertrisiko durch einen Receiver-Swap (Receive Fixed, Pay Floating). Ökonomisch ist das ein sauberer Hedge: ΔEVE sinkt, der SOT-Wert entspannt sich. Normativ aber belastet der Swap die GuV: Er zahlt variabel, die aktuellen kurzfristigen Zinsen sind hoch, der Swap ist kostentrachtig. Das Zinsergebnis leidet, der Strukturbeitrag wird kleiner. Die gleiche Absicherung, die ökonomisch Risiko reduziert, kostet normativ Ertrag.
Dieses Steuerungs-Dilemma ist kein Bug, sondern ein Feature. Es erzwingt bewusste Entscheidungen. Isolierte Optimierung einer Sicht führt fast immer zu Verschlechterung der anderen – und wer eine Sicht systematisch vernachlässigt, baut unbemerkt Risiken auf, die sich irgendwann realisieren.
Die Aufsicht weiß das. Der Supervisory Outlier Test besteht aus zwei Schwellenwerten: SOT EVE (maximaler Barwertverlust von 15 % des Tier-1-Kapitals unter den sechs EBA-Szenarien) und SOT NII (maximaler Ertragsrückgang von 5 % des Tier-1-Kapitals im Parallelshift). Beide werden gleichzeitig geprüft. Eine Überschreitung reicht für aufsichtlichen Dialog. Das ist kein Zufall: Die Aufsicht operationalisiert damit genau die These, dass beide Sichten gleichrangig sind.
Fallbeispiel – Die Sparkasse Beispielstadt steuert ihren Zinsbuchbestand
Ein konkreter Fall macht die Logik greifbar. Die fiktive Sparkasse Beispielstadt ist ein mittelgroßes Institut mit 3 Mrd. € Bilanzsumme, ausgewogenem Portfolio und einer typischen Sparkassen-Struktur: Auf der Aktivseite dominieren Immobilienkredite, auf der Passivseite Spar- und Termineinlagen mit unterschiedlichen Zinsbindungen. Die aktuelle Zinslage zeigt eine leicht inverse Kurve: Kurze Zinsen liegen bei rund 3,3 %, 10-Jahres-Zinsen bei 2,5 %.
Die Situation: Der Vorstand erwägt, das Hypothekenneugeschäft im kommenden Jahr deutlich auszuweiten. Konkret: 200 Mio. € zusätzliches Festzinsvolumen über zehn Jahre zu einem Kundenzins von 3,8 %. Die Frage ist einfach formuliert, aber nicht einfach zu beantworten: Soll das Geschäft gemacht werden?
Die normative Sicht: Der Konditionsbeitrag ist hoch – bei 200 Mio. € Volumen und einer Bruttomarge von rund 130 Basispunkten gegenüber der 10-Jahres-Refinanzierung entstehen rund 2,6 Mio. € zusätzlicher Zinsüberschuss pro Jahr. Die Kapitalbelastung durch zusätzliche RWA ist überschaubar: Bei einer durchschnittlichen Risikogewichtung von 45 % im wohnwirtschaftlichen Immobilienkreditgeschäft steigen die RWA um 90 Mio. €. Die CET1-Quote sinkt dadurch um rund 0,3 Prozentpunkte, bleibt aber weit über der Zielquote. Normatives Urteil: grünes Licht.
Die ökonomische Sicht: Der Barwert der Bilanz steigt zunächst durch das Neugeschäft – der Kredit wird mit höherem Zins kontrahiert, als die 10-Jahres-Refinanzierung kostet. Das Risikobild aber verändert sich markant: Die Aktivduration steigt, die Passivduration bleibt gleich. Der Duration Gap wächst. Unter dem EBA-Parallel-Up-Szenario (+200 BP) verschlechtert sich ΔEVE spürbar. Konkret nähert sich der Quotient aus |ΔEVE| und Tier-1-Kapital der SOT-Schwelle von 15 % – aus bisher 10 % werden rund 13,5 %. Noch kein formaler Outlier, aber sichtbar weniger Puffer. Ökonomisches Urteil: gelbe Ampel.
Die integrierte Entscheidung: Das Neugeschäft wird durchgeführt, aber flankiert durch einen Receiver-Swap über 50 % des Volumens – 100 Mio. € werden gegen 10-Jahres-EUR-Swap gehedgt. Die Wirkung ist gezielt: Die Bank behält 50 % des Strukturbeitrags, hedget aber die andere Hälfte des Zinsrisikos weg. Normativ bleibt der Effekt positiv – statt 2,6 Mio. € Zusatzergebnis verbleiben rund 1,8 Mio. € –, aber das ist immer noch deutlich ergebnisstärkend. Ökonomisch bleibt ΔEVE bei rund 11 % und damit wieder klar unter der 15-%-Schwelle. Beide Sichten sind befriedigt, die Steuerung hat eine bewusste, dokumentierte Position bezogen.
Die Lehre ist nicht, dass die Mischung zwischen Pur und Hedge immer 50:50 ist. Die Lehre ist, dass ohne die ökonomische Sicht das Geschäft vermutlich ohne Absicherung abgeschlossen worden wäre – mit einem unbemerkt gewachsenen Barwertrisiko. Ohne die normative Sicht wäre die Absicherung vielleicht zu groß dimensioniert worden – mit unnötiger GuV-Belastung. Erst die Integration beider Sichten führt zur richtigen Dosierung. Das ist integrierte Banksteuerung in der Praxis.
Solche Analysen selbst nachvollziehen
Im Testlabor steht genau diese Logik interaktiv zur Verfügung: Die IRRBB-Simulation berechnet ΔEVE unter allen 6 EBA-Szenarien sowie ΔNII unter den beiden Parallel-Szenarien, der Szenariomaker ergänzt eigene Marktthesen mit bimodaler Risikoverteilung und Strategieimpuls.
Wie beide Perspektiven in der Praxis zusammengeführt werden
In der Steuerungspraxis lassen sich fünf Hebel identifizieren, über die beide Perspektiven sauber integriert werden.
Governance. Beide Sichten müssen im Risikobericht stehen – nicht nur eine, und nicht in getrennten Dokumenten, sondern nebeneinander. Der Vorstand muss auf einen Blick sehen, wo beide Sichten übereinstimmen (geringes Risiko) und wo sie divergieren (Entscheidungsbedarf). Ein Risikobericht, der nur CET1-Quoten und LCR enthält, ist unvollständig. Einer, der nur ΔEVE und ökonomisches Risikokapital enthält, ebenso.
Limit-Systeme. Typischerweise gibt es mindestens ein Limit pro Sicht: eine CET1-Mindestquote als normative Leitplanke, ein ΔEVE-Limit als ökonomische. Keines ersetzt das andere. Beide müssen in der Tages- und Wochensteuerung überwacht werden, beide sind bei Grenzannäherung eskalationspflichtig. Die Limite selbst werden im ICAAP-Prozess hergeleitet – mit dokumentiertem Zusammenhang zum Risikoappetit des Vorstands.
Kapitalplanung. Die mehrjährige Kapitalplanung ist primär normativ: Sie projiziert CET1-Quoten, RWA-Entwicklung und Ertragspfad über drei bis fünf Jahre unter Basis- und Stressszenarien. Parallel läuft die ökonomische Risikotragfähigkeit als Momentaufnahme: Wie viel Risiko trägt die Bank heute barwertig, gemessen an ihrem ökonomischen Eigenkapital? Beide Ergebnisse werden dem Vorstand im ICAAP-Bericht gemeinsam vorgelegt – inklusive einer Abweichungsanalyse, falls normative und ökonomische Sicht unterschiedliche Risikosignale senden.
Stresstests. Auch hier werden beide Perspektiven gestresst – aber mit unterschiedlichen Methoden. Normativ durch Ergebnis- und Kapitalplan-Simulation unter adversen Makro-Szenarien (Rezession, Zinsschock, Kreditrisikostress). Ökonomisch durch Zinsschocks (EBA-Szenarien) und, wo relevant, Rating-Migrationen in den Eigenanlagen. Beide Stresstests münden in den ICAAP und den SREP-Dialog.
Berichterstattung. Der integrierte Risikobericht ist der Ort, an dem die Zusammenführung sichtbar wird. Gute Risikoberichte stellen beide Sichten entscheidungsrelevant nebeneinander – nicht als parallele Datentabellen, sondern mit klarer Bewertung: Stimmen die Signale überein? Gibt es Divergenzen? Welche Maßnahmen werden wegen welcher Sicht empfohlen? Das Management Cockpit im Testlabor zeigt, wie eine solche integrierte Dashboard-Ansicht aussehen kann.
Was integrierte Banksteuerung daraus macht
Das duale Steuerungsverständnis ist keine zusätzliche Dimension, sondern eine methodische Grundhaltung: Jede Steuerungsentscheidung wird in beiden Perspektiven gedacht – in der normativen, die auf Bilanz und Regulatorik blickt, und in der ökonomischen, die den Barwert und die langfristige Risikotragfähigkeit im Blick behält. Wo beide Sichten auseinanderlaufen, entsteht der Steuerungsdialog, der integrierte Banksteuerung ausmacht. Wer das konsequent durchhält, erkennt Konflikte früh, trifft bewusste Entscheidungen und kann sie gegenüber Aufsichtsrat, Aufsicht und Träger begründen.
Das Zusammenspiel von Ertrag, Risiko und Regulatorik wird erst vollständig, wenn jede dieser drei Dimensionen aus beiden Perspektiven betrachtet wird. Ertrag ist nicht nur die GuV-Zahl, sondern auch der Barwert künftiger Cashflows. Risiko ist nicht nur ΔEVE, sondern auch die Kapitalquote unter Stress. Regulatorik ist nicht nur MaRisk-Compliance, sondern das Zusammenspiel von CRR-Quoten und interner Risikomessung. Das ist der Unterschied zwischen einer Bank, die Risiken managt, und einer Bank, die nur ihren Quartalsbericht produziert.
Häufige Fragen
Ist die ökonomische Perspektive für alle Banken verpflichtend?
Ja. MaRisk AT 4.1 Tz. 2 verlangt, den Schutz der Gläubiger vor Verlusten aus ökonomischer Sicht zu berücksichtigen, und das gilt für alle Institute unter MaRisk-Anwendung. Umfang und Tiefe dürfen proportional zur Institutsgröße und -komplexität ausgestaltet sein: Kleinere Sparkassen können vereinfachte Methoden (standardisierte Zinsstresstests, Tabellenkalkulation) nutzen, müssen die Perspektive aber vorhalten und methodisch herleiten können.
Welche Perspektive ist wichtiger: normativ oder ökonomisch?
Keine. Beide sind gleichrangig und erfassen unterschiedliche Risiken. Die Gewichtung in Steuerungsentscheidungen hängt vom konkreten Sachverhalt ab: kurzfristige GuV-Fragen primär normativ, langfristige Risikoübernahme primär ökonomisch. Wer eine Sicht systematisch bevorzugt, baut in der jeweils vernachlässigten Dimension unbemerkt Risiken auf.
Wie oft werden beide Sichten berechnet?
Normative Kennzahlen werden typischerweise monatlich berechnet (GuV-Vorschau, LCR/NSFR, CET1-Projektion), die mehrjährige Kapitalplanung quartalsweise aktualisiert. Ökonomische Kennzahlen: EVE mindestens monatlich, die vollständige Risikotragfähigkeit quartalsweise. Bei größeren Marktbewegungen oder Bilanzveränderungen erfolgen ad-hoc-Berechnungen.
Was passiert, wenn beide Sichten widersprüchliche Signale geben?
Das ist der Normalfall, nicht die Ausnahme. Widersprüchliche Signale lösen einen Steuerungsdialog aus: Welche Sicht wiegt in diesem Fall schwerer? Gibt es Absicherungsinstrumente, die beide Sichten gleichzeitig verbessern? Die Entscheidung wird dokumentiert und ist Teil des ICAAP. Gute Steuerung bedeutet nicht, Konflikte zu vermeiden, sondern sie bewusst zu entscheiden.
Brauchen kleine Sparkassen wirklich eine ökonomische Sicht?
Ja. Die Proportionalität betrifft die Ausgestaltung, nicht das Ob. Eine kleine Sparkasse kann mit einfacheren Methoden arbeiten, etwa standardisierten Zinsstresstests, cashflow-basierter Tabellenkalkulation und vereinfachtem Behavioral Modeling. Sie muss aber eine belastbare ökonomische Perspektive vorhalten, inklusive Dokumentation der Annahmen und Herleitung der Ergebnisse. In der SREP-Prüfung wird genau das nachgefragt.
Weiterführende Inhalte
Wer tiefer einsteigen will, findet auf banksteuerung.com Anschlussthemen entlang beider Perspektiven:
Glossar – Einstieg in die Einzelbegriffe
Die regulatorischen und methodischen Bausteine dieses Artikels als strukturierte Glossar-Einträge: ICAAP, ILAAP, Regulatorik, EVE, NII, EVE/NII-Abgrenzung, Risikotragfähigkeit.
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Der konzeptionelle Rahmen dieses Artikels wird in zwei weiteren Leitfäden operativ vertieft. Der IRRBB-Leitfaden bringt EVE und NII unter den 6 EBA-Standardszenarien und den Supervisory Outlier Test in die Anwendung. Der Grundlagenartikel Marktzinsmethode am Beispiel einer Sparkasse zerlegt den Zinsüberschuss einer 3-Mrd-€-Sparkasse in Konditions- und Strukturbeitrag – mit Geschäftsfeld-Tabelle und Wasserfallgrafik.
Testlabor – beide Perspektiven interaktiv erleben
Im Management Cockpit sehen Sie ΔEVE, ΔNII, BPV und Duration Gap aus derselben Vermögensbilanz. Der Szenariomaker ergänzt eigene Marktthesen mit gewichteter Erwartungswert-Rechnung.
Dieser Artikel ist Teil von banksteuerung.com – einer Ressourcen-Plattform für integrierte Banksteuerung. Vertiefende Analysen finden Sie im Whitepaper zur Triangulation in der Banksteuerung.