Definition
Der Internal Capital Adequacy Assessment Process (ICAAP) ist der bankinterne Prozess, mit dem jedes Institut sicherstellt, dass seine Kapitalausstattung zu Geschäftsmodell und Risikoprofil passt, heute und über einen mehrjährigen Planungshorizont unter Stress. Der ICAAP ist nicht nur eine aufsichtliche Pflicht, sondern das strategische Steuerungsinstrument für Kapitalallokation und Risikotragfähigkeit.
Rechtsgrundlage
Der ICAAP ist in Deutschland in MaRisk AT 4.1 verankert, ergänzt durch BaFin-Rundschreiben zum ICAAP-Leitfaden (zuletzt aktualisiert 2024) und auf europäischer Ebene durch die EBA-Leitlinien zum SREP. Die Anforderungen skalieren mit der Größe und Komplexität des Instituts: Weniger bedeutende Institute (Less Significant Institutions) folgen dem national geprägten Rahmen, große Institute dem einheitlichen EZB-Leitfaden.
Die zwei Perspektiven
Seit der ICAAP-Überarbeitung 2018 verlangt die Aufsicht zwei parallele Sichten auf die Kapitaladäquanz:
- Normative Perspektive: Bilanznah, basierend auf regulatorischem Eigenkapital und regulatorischen Kapitalquoten. Die Bank zeigt, dass sie auch unter Stressszenarien die Mindestkapitalquoten einhält, typischerweise über einen Planhorizont von drei bis fünf Jahren.
- Ökonomische Perspektive: Barwertig, institutsintern kalibriert. Die Bank zeigt, dass ihr ökonomisches Kapital alle wesentlichen Risiken über ein konsistentes Konfidenzniveau abdeckt, einschließlich der Risiken, die in der Säule 1 nicht vollständig erfasst sind (z. B. IRRBB, Geschäftsrisiko).
Beide Perspektiven müssen zusammen funktionieren: Eine Bank kann normativ adäquat sein, ökonomisch aber nicht, oder umgekehrt. Die Aufsicht erwartet eine konsistente Story über beide Sichten hinweg. Eine ausführliche Gegenüberstellung beider Sichten mit Fallbeispiel findet sich im Artikel Normative und ökonomische Perspektive.
Kapitalplanung über mehrere Jahre
Der Planungshorizont beträgt mindestens drei Jahre, bei größeren Instituten fünf. Die Bank projiziert dabei nicht nur das Basisszenario ihrer strategischen Planung, sondern mindestens ein adverses Stressszenario, typischerweise eine moderate Rezession mit Anstieg der Risikokosten, Druck auf das Zinsergebnis und regulatorischer Verschärfung. Die Frage lautet: Bleibt die Bank unter diesen Bedingungen kapitaladäquat?
Risikoarten im ICAAP
Der ICAAP deckt alle wesentlichen Risiken ab: Adressenausfallrisiko (Kreditrisiko im weiten Sinn), Marktpreisrisiken einschließlich IRRBB, Kreditspreadrisiken im Anlagebuch (CSRBB), operationelles Risiko, Geschäftsrisiko und ggf. weitere institutsspezifische Risiken. Die MaRisk regeln CSRBB in BTR 5 als eigenes Modul; gemessen werden darf es gemeinsam mit anderen Risikoarten oder separat. Liquiditätsrisiken werden im separaten ILAAP-Prozess behandelt, es gibt aber Überlappungen, insbesondere bei der Bewertung von Marktliquidität oder Refinanzierungsrisiken.
Integration in die Gesamtbanksteuerung
Ein ICAAP, der nur für die aufsichtliche Meldung gemacht wird, verschenkt Steuerungspotenzial. Richtig aufgesetzt, ist der ICAAP der Taktgeber für die jährliche Mehrjahresplanung: Er verbindet Geschäftsmodellstrategie, Risikoappetit und Kapitalallokation. Entscheidungen über Neugeschäft, Eigenanlagen, Dividendenpolitik oder Kapitalbeschaffung leiten sich aus dem ICAAP ab, nicht umgekehrt. Wer diesen Zusammenhang aufbaut, hat ein belastbares Steuerungsinstrument. Wer ihn nur als Pflichtübung begreift, steuert blind.
Verwandte Begriffe
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